Fic: My Angel

Titel: My Angel
Eingestuft: G (K)
Inhalt: Blair will zur Polizeiakademie, aber schon der Besuch beim Frisör bringt schlimme Erinnerungen zum Vorschein
Charaktere: Blair Sandburg, Jim Ellison
Genre: Humor, Angst
Kapitel: 1
Fertig: Ja
Worte: 7.150

1999

Rummms. Die Vordertür war zu. Aus dem Badezimmer heraus konnte Jim Schritte durch den Wohnbereich bis zu Blairs Zimmertür hören. Dann wieder ein lautes Rummms – auch die Tür zu Blairs Raum unter der Treppe wurden zugeschmissen, dass es in den sensiblen Ohren des Sentinels nur so widerhallte.

Er legte seinen Rasierer beiseite, nahm seine Armbanduhr von der Spiegelablage und warf einen Blick darauf. Acht Uhr dreißig. In einer Stunde musste er im Büro sein. Noch genügend Zeit, sich mit Sandburg und dessen Problemen auseinander zu setzen. Denn eigentlich dürfte Blair gar nicht hier sein. Er müsste sich seit sechs Uhr heute Morgen auf dem Kasernengelände der Polizeiakademie aufhalten, bereit seinen ersten Tag an der Akademie anzutreten.

Innerlich musste er grinsen, als er sich an seinen ersten Tag an der Akademie erinnerte. Als ehemaliger Militär und Ranger hatte er es relativ einfach gehabt. Niemand, der meinte, ihn schikanieren zu müssen, wahrscheinlich auch niemand, der sich so etwas angesichts seiner Covert Ops Ausbildung traute. Bei Blair sah das wahrscheinlich etwas anders aus. Vor dem Hintergrund seiner angeblich gefälschten Dissertation, dem Rausschmiss aus der Universität und seiner jahrelangen recht merkwürdigen Form der Zusammenarbeit mit dem Cascade Police Department gab es bestimmt einige, die versuchen würden, ihm das Leben schwer zu machen. Zumal Sandburg ja auch mehr der schmächtige Typ war, der bestimmte Leute in Versuchung führte.

Aber er war gerade mal für zweieinhalb Stunden dort gewesen. In so kurzer Zeit konnte doch nichts so schlimmes passiert sein, dass Blair die Akademie hinschmeißen würde.

Wahrscheinlich hatte er nur etwas wichtiges vergessen. Mit diesem Gedanken wandte er sich wieder seinem Spiegelbild zu und setzte seine Rasur fort. Als sich nach weiteren fünf Minuten nichts im Zimmer nebenan regte, fuhr er vor-sichtig sein Gehör hoch und lauschte auf etwaige Geräusche aus Blairs kleinem Raum. Leises Murmeln, selbst für sein Sentinelgehör extrem leise, war zu hören „Ich bin so ein Idiot. Ich bin so ein Idiot.“ Immer und immer wieder wie ein Mantra wiederholte Blair diese Worte. Okay, es war also doch etwas passiert. Etwas, das Blair veranlasst haben musste, die Flucht zu ergreifen.

Schnell beendete Jim seine morgendliche Wäsche, zog sich sein Hemd an und verließ das Badezimmer. Er klopfte leicht an Blairs Tür und wartete darauf, hereingebeten zu werden.

„Blair?“ Keine Antwort. „Sandburg! Ich weiß, dass du da bist. Du warst schließlich nicht gerade leise mit den Türen.“

Schlurfende Schritte, dann ging die Tür auf und er konnte ein Blick auf Sandburg erhaschen, der ihm beinahe vor Belustigung laut auflachen ließ. Die Haare auf Blairs rechter Kopfseite war lang wie eh und je, während auf der linken Seite mehr oder weniger die Haare auf einige Zentimeter geschnitten waren, aber nicht so richtig ein Schnitt zu erkennen war. So kurz geschnitten kringelten sie sich in alle Richtungen, was Blair, wenn man ihn nur von einer Seite betrachtete, ein noch jüngeres Aussehen verlieh. Von vorn gesehen, erinnerte es ihn irgendwie an so manche Jugendliche auf den Straßen von Cascade, bei denen ein solcher Haarschnitt Mode zu sein schien. Jetzt fehlte nur noch etwas Gel und Farbe, und der Punk war perfekt.

„Das. Ist. Nicht. Lustig, Jim!“ Blair betonte jedes einzelne Wort, was Jim nur noch mehr zum Lachen anspornte.

„Das ist es doch. Du müsstest dich mal anschauen.“ Jim konnte sich ein Lachen jetzt doch nicht mehr verkneifen.

„Oh, Mann!“ Blair warf seine Arme in die Luft, drehte sich zum Bett und ließ sich mit dem Gesicht voran darauf fallen. „Das ist sooo peinlich. Ich kann mich da nicht mehr sehen lassen.“

Jim bemühte sich, sein Lachen aus seinem Gesicht zu verbannen und setzte sich neben seinem Freund und zukünftig legalen Partner auf das Bett.

„Was ist passiert? Ist dem Friseur die Schere stumpf geworden bei deiner Lockenpracht?“ Wieder brach ein Lachanfall über ihn herein.

Blair dreht ihm sein Gesicht zu und rollte mit den Augen. Der Humor seines Sentinels war wirklich manchmal nicht zum Aushalten.

„Okay, ich bin jetzt still und lache auch nicht mehr. Jetzt erzähl mir, was passiert ist.“

„Das ist wirklich so peinlich. Ich bin völlig ausgeflippt.“ Blair setzte sich auf und vergrub sein Gesicht in seinen Händen. „Ich meine, ich sitze da auf dem Friseurstuhl, bereit, meine schöne Lockenpracht zu opfern. Ich hatte so schon den ganzen Morgen über mehr als genug Bemerkungen über meine Haare zu hören gekriegt. Aber ich war wirklich bereit dazu, hatte mich innerlich darauf vorbereitet.“ Er stoppte und schaute hoch zu Jim.

Dieser bemerkte den Unterschied in Blairs Augen und wusste sofort, dass hier irgendetwas nicht stimmte. Er sah Angst und Panik in den Augen seines Guides und das war nicht mehr zum Lachen. Er legte eine Hand auf Blairs Schulter und bemerkte, wie ein leichter Schauer durch Sandburgs Körper lief. Was ging hier vor?

„Was meinst du damit, du bist ausgeflippt?“ wollte er wissen.

„So wie ich es sagte, ich schrie, habe um mich getreten und ich bin vom Stuhl gesprungen und weggelaufen.“ Blairs Stimme zitterte leicht.

Vorsichtig fuhr Jim mit seiner Hand über Blairs Rücken und versuchte ihn so zu beruhigen. „Eine Panikattacke?“ fragte er leise.

„Ja … die erste seit Jahren. Wie konnte so etwas nur passieren? Und das gleich am ersten Tag, ach was sage ich, gleich in der ersten Stunde.“

„Was hat die verursacht? Ich meine, versteh mich nicht falsch, aber du warst nur beim Friseur. Was kann da schon eine Panikattacke auslösen?“

„Eine Erinnerung …“ Blairs Stimme war so leise, dass Jim automatisch sein Gehör hochfuhr. Gleichzeitig hörte er auch den rasenden Herzschlag seines Guides.

„Welche Erinnerung, Blair?“

Er bekam keine Antwort. Blair drehte sich um und schmiss sich wieder bäuchlings auf das Bett. Er wollte nur in Ruhe gelassen werden.

„Blair, sprich mit mir.“

Es kam nur ein leichtes Kopfschütteln und dann nichts mehr.

Jim stand auf und verließ leise das Zimmer. Jetzt musste erstmal Schadensminimierung betrieben werden. Ein Anruf auf der Akademie verriet ihm, dass dort der Vorfall großes Aufsehen erregt hatte. Man erlebte ja nicht alle Tage, dass ein Kadett beim Haareschneiden ausflippte. Das passierte meistens erst beim Schießtraining. Ihm wurde mitgeteilt, dass die Aufnahmezeremonie für zwölf Uhr angesetzt war. Also noch genügend Zeit, Sandburg zu überreden, mit einer plausiblen Ausrede wieder zur Akademie zurückzukehren.

Danach führte er ein Telefongespräch mit Simon. Dieser erwartete ihn eigentlich nicht vor halb zehn im Büro, denn sie hatten letzte Nacht bis drei Uhr an einem Fall gesessen und Simon hatte angeordnet, dass er sich ausruhen sollte, da im Moment sowieso keine weiteren Ergebnisse in dem Fall zu erwarten waren. Jetzt bat er Simon um weitere Freizeit, so weit dies die momentane Lage des Falles zuließ. Wofür er diese freie Zeit brauchte, sagte er lieber nicht, nur dass es etwas persönliches war. Wahrscheinlich konnte sich Simon ganz gut vorstellen, dass es um Blair ging. Womöglich hatte er auch schon einen Anruf von der Akademieleitung erhalten, ließ aber nichts dergleichen Jim gegenüber verlauten. Nur, dass er sich so viel Zeit wie nötig nehmen sollte.

Er ging wieder zurück ins Badezimmer und kramte in den Schubladen des Schränkchens neben dem Waschbecken. Irgendwo musste hier doch eine Haarschere sein. Er selbst brauchte eigentlich nie eine, da er seine Haare immer nur beim Friseur scheren ließ, aber er konnte sich vage erinnern, nach Carolyns Auszug einmal eine gesehen zu haben. Da war sie ja! Er schnappte sie sich und ging zurück zu Blairs Raum. Ohne anzuklopfen stieß er die Tür auf und bewegte sich zu Blairs Bett hinüber. Blair hatte sich in den letzten drei Minuten nicht viel geregt. Er lag immer noch bäuchlings auf dem Bett, nur dass er sich jetzt noch mit beiden Händen sein Kopfkissen über den Kopf gezogen hatte.

„Sandburg?“

Keine Antwort.

„Los, komm hoch. Ich werde dir jetzt deine restlichen Haare schneiden, damit du dich wieder unter Menschen wagen kannst. Und dann kannst du mir erzählen, warum du so in Panik geraten bist.“

Jim beugte sich hinüber und hob vorsichtig das Kopfkissen an, um Blair nicht noch mehr zu verschrecken. Was konnte das nur für eine Erinnerung sein, die solche Reaktionen in Sandburg auslöste?

Er lauschte nach dem Herzschlag seines Guides und stellte fest, dass sich dieser wieder auf einem normalen Level befand. Beruhigend fuhr er wieder mit seiner Hand über den Rücken seines Freundes und machte kleine kreisende Bewegungen.

Nach einigen Minuten regte sich Blair endlich und drehte sich auf den Rücken. Er fuhr sich mit den Handballen über die Augen und Jim konnte erkennen, dass er geweint hatte. Sandburg setzte sich langsam auf und versuchte, so etwas wie ein Grinsen auf sein Gesicht zu zaubern. Er schniefte noch einige Male durch die Nase, hatte sich aber, so weit Jim es erkennen konnte, wieder beruhigt.

Jim lächelte ihn an und zog die Schere hervor und wackelte mit ihr spielerisch vor Blairs Gesicht herum.

„Wie sieht’s aus? Bereit für den Endspurt des Haarmarathons?“


Schnipp. Die letzte der langen Haarsträhnen fiel zu Boden. Jim ging um Blair herum, der auf einem Stuhl in der Küche saß, ein Handtuch um seine Schultern geschlungen. Er ging vor ihm in die Hocke und prüfte nach, wie kurz er die Locken schneiden musste, damit beide Seiten gleich lang wagen. Es war ihm, als schaue er in ein fremdes Gesicht. Wie konnte es sein, dass Sandburg mit kurzen Haaren noch jünger aussah? Die blauen Augen wirkten noch größer, auch wenn sie im Moment noch leicht gerötet waren.

Jim schnappte sich erneut die Schere und den Kamm und glich den Schnitt an. Als er hinter Sandburgs Stuhl stand hob er schnell eine der langen Strähnen auf, wickelte sie um seinen Finger und versteckte sie in seiner Hosentasche. Sandburg brauchte ja nicht zu wissen, dass er sich ein letztes Andenken an die lange Haarpracht sicherte, an die er sich die letzten vier Jahre so gewöhnt hatte.

„So, jetzt kannst du wieder unter die Leute,“ sagte er mit einem Grinsen auf dem Gesicht. Er nahm Sandburg das Handtuch von den Schultern und schüttelte es aus.

Sandburg stand schnell vom Stuhl auf und stellte ihn an den Esstisch zurück. Dann ging er zum Besenschrank und holte Besen und Kehrblech, um die letzten Überbleibsel seines vergangenen Lebens aufzufegen.

Jim war inzwischen in die Küche gegangen und hatte den Kessel mit Wasser gefüllt und auf den Herd gestellt. Dann suchte er im Schrank nach der Teesorte, von der ihm Blair erzählt hatte, dass sie beruhigend wirke.

„So, und jetzt erzählst du mir, was diesen Panikanfall bewirkt hat,“ sagte Jim und setzte sich neben Blair auf das Sofa, nachdem er die Tassen mit dem fertigen Tee auf den Kaffeetisch vor ihnen gestellt hatte.

Ausgerechnet Blair, der sonst immer auf dem Standpunkt stand, dass man über alles, was einen bedrückte, reden sollte, wirkte nun zögerlich.

Wieso muss ich immer über alles in meiner Vergangenheit reden, und ich weiß praktisch gar nichts über ihn? fragte sich Jim verwundert. Blair wusste alles über seine strenge Kindheit, über seine Armeezeit und seine misslungene Ehe mit Carolyn, während das einzige, was er über Blairs Kindheit und Jugend wusste, war, dass dieser mit Naomi viel gereist war, kein ständiges Zuhause hatte und bereits in jungen Jahren zur Universität gegangen war. Aber wohin er mit seiner Mutter überall gereist war und was sie erlebt hatten, davon hatte er nicht die geringste Ahnung. Was mochte alles während dieser Zeit passiert sein, das solche Reaktionen in ihm auslöste?

Blair nahm einen vorsichtigen Schluck aus seiner Tasse und stellte sie wieder auf den Tisch zurück. Er lehnte sich zurück und schloss seine Augen, versuchte sich die Erinnerung wieder vor Augen zu rufen. Dann fing er langsam an zu erzählen.

„Wir, also Naomi und ich, wohnten damals in Seattle. Das muss so um sechsundsiebzig gewesen sein. Ich weiß, dass ich gerade in die Schule gekommen war. Wir lebten bei diesem Freund von Mom in der Kommune … “


1976

Babumm, babumm, babumm. Der Tennisball flog ein weiteres Mal gegen die Wand, prallte dann auf die Erde und flog wieder in die Hände des kleinen Jungen zurück. Die meisten Menschen fanden, dass er für sein Alter eine unheimlich gute Treffsicherheit hatte. Zudem schaffte er es auch, jeden Wurf geschickt wieder einzufangen. Doch vielleicht lag es daran, dass er jünger aussah, als er in Wirklichkeit war, denn er war diesen Sommer schon sieben geworden, was er auch stolz jedem, der es wissen wollte, oder auch denen, die es nicht interessierte, erzählte. Trotzdem blieb er für die meisten ihr kleiner Angel. So nannten sie ihn in der Kommune, wo er mit seiner Mom lebte. Die meisten Leute in der Kommune hatten komische Namen. Zum Beispiel hieß der derzeitige Freund seiner Mutter Sky. Er war sich nicht so ganz sicher, ob das sein echter Name war, denn welche Eltern nannten ihren Sohn schon „Himmel“? Aber sein Name war ja schließlich auch nicht Angel, sondern Blair. Blair Jacob Sandburg.

Blair hasste seinen Spitznamen. Sky hatte ihm den verpasst. Er meinte, dass er mit seinen langen lockigen Haaren und großen blauen Augen nun mal wie ein Engel aussehe. Aber er wollte kein Engel sein. Er war ein großer Junge und kein Baby mehr.

Mit etwas mehr Kraft warf er den Ball erneut gegen die Außenmauer des alten Fabrikgebäudes, in dem sich die Kommune angesiedelt hatte. Auch wenn er noch klein oder nach seinen Maßstäben noch nicht groß war, so hatte er doch schon mitbekommen, dass seine Leute nicht gerade angesehen waren bei dem Rest der Bevölkerung. Sie zahlten keine Miete und so war es auch nicht absonderlich, dass er und seine Mom sich mit mehreren Leuten eine große Lagerhalle teilten, abgeschirmt nur durch eine Decke, die zwischen zwei Nägeln aufgespannt war. Auch Sky lebte mit ihnen in dieser provisorischen Abgeschiedenheit.

Vor zwei Monaten waren sie aus dem sonnigen San Diego hierher gezogen. Blair hasste den Regen. In Seattle regnete es ständig. Mal goss es in Strömen, dann wieder nieselte es nur oder es herrschte Nebel. Er vermisste das Gefühl der Sonne, die auf seiner Haut brannte. Wenn hier mal die Sonne schien, dann konnte man sich nie lange darüber freuen, weil man schon am Horizont über dem Pazifik neue Regenwolken sehen konnte.

Aber etwas Schönes hatte ihr Aufenthalt hier doch. Er war endlich in die Schule gekommen. Er verstand sich nicht gerade besonders gut mit seinen Mitschülern, die alle aus „geordneten Verhältnissen des Kapitalismus“ stammten, wie sich seine Mom auszudrücken pflegte. Seine Kleidung und sein Aussehen stempelten ihn schnell zu einem Außenseiter, aber trotzdem hatte er Freude am Lernen. Seine Lehrerin, eine relativ alte (war fünfundvierzig alt?), säuerlich schauende Dame hatte ihn gleich am ersten Tag beiseite genommen und mit ernsten und scharfen Worten darauf hingewiesen, dass er sich hier keine Eigenarten erlauben könnte und auch er regelmäßig am Unterricht teilnehmen könne und müsse. Was dachte die sich eigentlich? Er war doch froh, endlich zur Schule gehen zu dürfen. Das war im Prinzip der einzige Grund, warum er hoffte, dass sie noch länger in Seattle blieben.

Babumm. babumm. babumm. In seine Gedanken vertieft bemerkte er nicht, dass seine Würfe immer härter wurden. Mit aller Kraft warf er den Ball gegen die Wand, doch dieses Mal glückte es ihm nicht, ihn wieder einzufangen, und der Ball flog mit schneller Geschwindigkeit an ihm vorbei in Richtung Straße.

„Arrgh. Verdammt!“


Peng. Gary Meringer war schlecht gelaunt. Äußerst übel gelaunt. Voller Wut trat er derart hinter einen Stein, dass dieser beim Hochfliegen noch Kies und anderen Unrat mit aufwirbelte. Der Stein prallte an die Radkappe eines vorbeifahrenden Wagens. Er konnte erkennen, wie der Fahrer wütend die Faust hob. Der kann mich mal, dachte Gary ärgerlich.

Gary und seine Teamkameraden waren auf dem Weg zum Bus, der etwas abseits des Seattle Stadions hinter mehreren alten Fabrikhallen parkte. Er hatte sich mit einigen Mitspielern bereits eher aus den Umkleidekabinen verdrückt. In einer Stunde sollte der Bus wieder nach Cascade abfahren, das ca. eine Fahrstunde entfernt im Norden nahe der kanadischen Grenze lag.

Der Grund für seine Wut war ganz einfach. Sie hatten verloren, und zwar haushoch. Man sollte sich einfach nicht von einem Namen wie Seattle Angels täuschen lassen. Die Jungs hatten perfektes Football gespielt. Daran gab es gar nichts zu deuteln. Was seine Wut aber noch steigerte. Wenn die anderen wenigstens Fouls gemacht oder unfair gespielt hätten, aber sie waren einfach nur gut, nein, viel besser gewesen.

Angels. Wenn er diesen Namen nur hörte, kam es ihm schon hoch. Mit einem passenden Kommentar auf den Lippen wollte er sich gerade seinen Freunden zuwenden, als er einen scharfen Schmerz an der linken Schulter verspürte.

„Arrgh. Verdammt!“ Gary griff sich mit der rechten Hand an die schmerzende Stelle und wirbelte herum. Vor ihm kullerte ein Tennisball den Bürgersteig entlang. Er schaute sich um und entdeckte einen kleinen Jungen von vielleicht vier oder fünf Jahren auf dem Fabrikgelände, der ihn mit offenen Mund anstarrte und sich dann plötzlich umdrehte und hinter der nächsten Ecke verschwand.

„Los! Hinterher!“

Gary stürzte sofort hinter dem kleinen Jungen her, bevor sich seine Freunde überhaupt darüber im Klaren waren, was hier passiert war. Aber es war ihnen eigentlich auch egal. Gary war ihr Teamcaptain und was er sagte, war Gesetz.

Der kleine Junge hätte es beinahe geschafft hinter einem weiteren Gebäude zu verschwinden, wenn ihm nicht der Fehler unterlaufen wäre, sich umzuschauen und dabei über ein altes Brett zu stolpern. Er schlug der Länge nach in den Staub und innerhalb von Sekunden waren Gary und seine Freunde über ihm und hielten ihn mit ihren Füßen auf dem Boden fest. Der Kleine wehrte sich eine Weile verzweifelt, bemerkte dann aber, dass er nicht loskam und beruhigte sich etwas.

„Hey, was sollte das? Für so einen kleinen Pimpf bist du ja ganz schön mutig,“ brüllte ihn Gary an.

Der kleine Junge zuckte zusammen und fing an zu zittern. „Das … das wollte ich nicht. Ehrlich. Der Ball ist einfach so weggeflogen.“

„Und das soll ich dir glauben, die kleiner Scheißer?“ rief Gary.

Die anderen lachten höhnisch und schadenfroh über den Schrecken, der sich im Gesicht des kleinen Jungen breit machte.

„Du hast recht, Gary,“ johlte Garys Freund Cole. „Wer hätte gedacht, dass so ’nen Mumm hat. Schau ihn dir an, der sieht doch aus wie ein Mädchen mit diesen süßen Locken und nicht wie echter Kerl.“

Wieder lachten alle gehässig.

„Eher einer von diesen Wachsengeln. Meine Mutter hatte mal so einen. Na, kleiner Engel, wo sind denn deine Flügelchen? Schade, die könntest du jetzt echt gut gebrauchen, um abzuhauen.“

In dem kleinen Jungen baute sich so etwas wie Trotz und auch etwas Mut auf. „Mein Name ist nicht Angel, so nennen mich immer nur die anderen. Mein Name ist Blair.“

Etwas Bösartiges leuchtete in Garys Augen auf. Blair spürte seinen wütenden Atem auf dem Gesicht.

„So, du heißt also wirklich Angel. So’n Pech, Kleiner. Ich habe von den Angels nämlich gerade echt die Nase voll. Los Jungs, lasst uns diesem kleinen Bastard zeigen, was wir von den Angels halten.“

So schnell wie Trotz und der Mut auch entstanden waren, so schnell waren sie auch schon wieder verschwunden und machten einem ganz anderen Gefühl Platz: Angst. Beim Blick in das Gesicht des wortführenden Jungen erkannte Blair, dass er tief in der Patsche saß, verdammt tief.

„Cole, hol mir meine Sporttasche. Woll’n wir doch mal sehen, was wir mit diesem kleinen Engel hier anfangen können.“

„Gary!“ meldete sich jetzt ein anderer Junge zu Wort. „Er hat das doch nicht mit Absicht getan. Lass ihn in Ruhe.“

„Halt dich da raus, Jimmy,“ erwiderte Gary mit einem bösartigen Grinsen auf dem Gesicht. Er war jetzt so richtig in Fahrt und kannte kein Pardon. „Wenn du nichts damit zu tun haben willst, dann verschwinde. Aber wage es nicht, irgendjemanden davon zu erzählen, oder du wirst das später bereuen.“

Jimmy wollte wirklich nichts damit zu tun haben. Aber konnte er sicher sein, dass seine Freunde dem kleinen Jungen nichts antaten? Freunde? Das waren nicht seine Freunde. Freunde konnte man sich aussuchen. Dies waren seine Teamkollegen. Alles Söhne reicher Eltern, die es sich leisten konnten mit dem Gesetz in Konflikt zu kommen, weil sie genau wussten, dass ihre Eltern sie wieder herausholen würden. Was würde sein Dad dazu sagen, wenn er wüsste was hier passierte? Der Stärkere gewinnt, so ist es nunmal im Leben. Tja, Kleiner, Pech gehabt. Er hatte sich nie mit diesem Gedanken anfreunden können. Auch wenn er so von seinem Vater erzogen worden war, hatte er doch stets das Gefühl, dass er anderen helfen musste. Nur traute er sich selten, das auch laut zu sagen oder tatsächlich in die Tat umzusetzen.

Langsam drehte Jimmy sich um und ging in Richtung Straße, ohne auch nur einen letzten Blick auf das Geschehen zu werfen. So konnte er auch nicht den entsetzten Ausdruck auf dem Gesicht des kleinen Jungen erkennen, der ihm mit weit aufgerissenen Augen hinterher starrte.


Ritsch. Mit einem schnellen Zug öffnete Gary den Reißverschluss seiner Sporttasche. Ihm war gerade ein genialer Einfall gekommen. Schnell durchsuchte er das Innere der Tasche und holte ein kleines Reiseetui mit seinem Rasierzeug hervor. Er war stolz darauf, dass er schon mit fünfzehn Jahren einen leichten Bartwuchs hatte. Von seinem Vater hatte er ein teures Rasierset erhalten, das er bei jedem Spiel dabei hatte, nur um in der Umkleide zu demonstrieren, dass er schon ein ganzer Mann war.

„Haltet ihn gut fest. Oder besser noch … hier … bindet seine Hände mit der Bandage hier zusammen, damit er uns keine Schwierigkeiten macht.“

Cole beugte sich zu Gary hinunter und nahm eine Rolle Elastikbandage entgegen, während der andere Junge immer noch einen Fuß auf Blairs Brust gestellt hatte. Er hatte Mühe zu atmen, was aber mehr an seiner Angst lag, die ihn zu überwältigen drohte, als an dem Gewicht des Jungen, der sich auf ihn stützte.

Mit der Bandage in der Hand kam Cole auf ihn zu und der andere Junge nahm seinen Fuß von ihm herunter. Blair fasste all seinen Mut zusammen und rollte sich blitzschnell auf die Seite, aber Cole war schneller als er und schmiss sich mit dem Oberkörper auf ihn, dass ihm die Luft aus den Lungen gepresst wurde. Mit festen Griff zog er Blairs Hände auf den Rücken und wickelte die Bandage mehrmals um seine Handgelenke.

Als Blair auf den Rücken gedreht wurde, konnte er einen Blick auf Gary erhaschen und das, was dieser in der Hand hielt. Es war ein glänzendes Rasiermesser. Verzweifelt bemühte sich der kleine Junge freizukommen. Er schrie laut auf und trat mit den Füßen um sich, doch Cole schaffte es leicht, seine Beine zu umklammern und ihn ruhig zu halten.

„Sieh zu, dass er still ist,“ befahl Gary.

Eine Hand legte sich auf Blairs Mund und erstickte die Schreie.


Wuusch. Ganz plötzlich hatte Jimmy das Gefühl, durch eine Nebelwand zu laufen. Einen Moment war er noch in den Straßen von Seattle auf dem Weg zum Busparkplatz, im nächsten Moment befand er sich in einer ihm fremden Welt wieder. Wie war er hier her gekommen? Alles um ihn herum erschien in einem blauen Farbton. Von den Häuserfronten der Lagerhallen war nichts mehr zu sehen, stattdessen waren um ihn herum hohe Bäume und er konnte leise Zwitschergeräusche von Vögeln, das Rascheln von Blättern im Untergehölz und das Tapsen von Tieren auf dem weichen, moosigen Untergrund hören. Verblüfft blieb er stehen und drehte sich im Kreis.

Angestrengt versuchte er mit zusammengekniffenen Augen zu erkennen wo er war. Und schreckte plötzlich zurück, denn das was er sah, war nicht das was er erwartet hatte. Wie bei einer Filmaufnahme sah er das, was nach seiner Ansicht mehrere Meilen entfernt lag, plötzlich auf sich zukommen, bis er selbst kleinste Details erkennen konnte. Die Luft schien zu vibrieren und er konnte selbst den kleinsten Windhauch wie Sandpapier auf seiner Haut fühlen. Die Vogelstimmen schienen zu einem Brausen anzuschwellen, bis er sich vor Schmerzen die Ohren zu halten musste. Das Tapsen von kleinen Füßen auf weichem Dschungelboden kam ihm plötzlich wie das Donnern von Dinosaurierfüßen vor, wobei bei jedem Tritt der Boden zu erzittern schien. Erschreckt blickte er sich um, jederzeit erwartend einen T-Rex vor sich stehen zu sehen.

Dann mit einem Mal war wieder alles vorbei. Es herrschte Totenstille im Dschungel und Jimmy schloss erleichtert seine Augen. Das ist alles nur eine Halluzination, versuchte er sich einzureden. Wenn ich die Augen öffne, bin ich wieder in der Stadt.

Voller Zuversicht öffnete er zunächst das rechte Auge, dann auch das linke. Alles war so wie zuvor. Der Wald um ihn herum leuchtete in wunderschönen Blautönen, nur dass er dieses Mal nichts weiter hörte, als das Tapsen von Pfoten. Mist, also doch keine Halluzination. Er kniff sich fest in den linken Arm und hoffte, dass er aus diesem Traum – ja, ein Traum, das war eindeutig besser als eine Halluzination – aufwachen würde. Außer einem schmerzenden Arm brachte ihm das auch nichts weiter ein.

Also was jetzt? Langsam drehte er sich noch einmal im Kreis, die Umgebung in sich aufnehmend. Als sein Blick wieder zu dem Punkt gelangte, wo er gestartet war, wäre er vor Schreck beinahe hinten über gefallen. Vor ihm saß ein schwarzer Panther. Seine grünen Augen fixierten ihn mit einem starren Blick.

Tief im Innern spürte Jimmy, dass er keine Angst vor dem Tier haben musste. Er ließ sich langsam auf seine Knie hinunter und streckte der Raubkatze seine rechte Hand entgegen. Mit einem leisen Schnurren kam die schwarze Katze einen Schritt näher, rieb ihren Kopf an der Hand und ließ sich hinter dem Ohr kraulen.

„Hab keine Angst, junger Wächter. Dein animalischer Geist ist hier, um dir zu helfen.“

Erschreckt blickte Jimmy hoch und sah einen indianischen Krieger auf sich zukommen. Kein Indianer, wie er ihn aus Wildwestfilmen kannte, sondern eher ein Inka oder Maya aus Südamerika.

„Dein Guide braucht deine Hilfe.“

„Mein was?“

„Du darfst dich deinen Pflichten nicht verschließen. Geh und hilf ihm, damit er dir helfen kann.“

„Wo bin ich hier?“

„Du bist hier beim Tempel der Sentinels. Dein erstes Erwachen als Sentinel hat soeben stattgefunden. Nun liegt es an dir, wie du deine Kräfte nützt.“

„Welche Kräfte denn? Das einzige was passiert ist, dass ich hier mitten in einem Wald sitze, einen wilden Panther kraule und mit einem Indianer spreche, der in Wirklichkeit gar nicht da ist.“

„Die Pflicht eines Sentinels ist es, die Seinen zu beschützen. Geh, und hilf ihm, damit er dir helfen kann.“

„Wem soll ich denn helfen, Himmel noch mal.“

„Deinem Guide. Geh jetzt.“

Die Gestalt des Indianers bewegte sich rückwärts, obwohl Jimmy nicht erkennen konnte, dass er seine Beine oder Füße bewegte. Sie schien zu schweben, wie auch gleichzeitig seine ganze Umgebung zu schweben beginnen schien. Der blaue Wald vermischte sich mit dem Schwarz des Panthers und einen Moment später fand sich Jimmy keuchend auf dem Bürgersteig vor einer großen Lagerhalle wieder.


Blair hatte Angst. Solche Angst wie nie zuvor in seinem ganzen, wenn auch nur kurzen Leben. Seine letzte Hoffnung, dass er das ganze unbeschadet überstehen würde, war mit dem Fortgang des Jungen, der es gewagt hatte, dem Anführer der Gruppe zu widersprechen, verschwunden. Warum hatte er ihm denn nicht geholfen? Er hatte den Ball doch nicht mit Absicht auf sie geworfen. Was hatte er so schlimmes getan, dass er so behandelt wurde? Fragen über Fragen schossen durch seinen Verstand.

Er wimmerte leise, denn mehr konnte er wegen der schweren Hand über seinem Mund nicht von sich geben. Seine Arme taten ihm weh, weil er auf seinen gebundenen Händen lag. Er hatte seine Augen fest verschlossen, denn er wollte nicht sehen, was auf ihn zu kam. Der Anblick des Rasiermessers hatte ihm vollkommen gereicht.

Mit einem Mal konnte er fühlen, wie Hände nach seinen Haaren griffen, Strähne für Strähne stramm zogen und dann mit einem schnellen Schnitt absäbelten. Er fühlte den Windhauch auf seinem Kopf, wo bereits die Haare abrasiert worden waren. Tränen der Angst, aber auch der Wut stiegen ihm in die Augen, aber er hielt sie fest geschlossen.

Ein scharfer Schmerz zuckte durch seinen Kopf, als der Rasiermesser abglitt und ihm einen Schnitt in der Kopfhaut einbrachte. Er fühlte, wie ihm das Blut durch die verbliebenen Haare lief. Blair stöhnte vor Schmerz auf.

„Ups. Na so’n Pech. Da ist mir doch glatt das Messer entglitten. Tut mir ja so überhaupt nicht leid, Kleiner.“


Geh und hilf ihm, damit er dir helfen kann. Die Worte des Indianers hallten in seinem Kopf wider.

Jimmy saß auf der Bürgersteigkante und war immer noch am überlegen, ob er das ganze jetzt geträumt hatte (was eigentlich nicht sein konnte, da er ja nicht geschlafen hatte) oder ob die Halluzination doch keine gewesen war und alles wirklich passiert war. Okay, er war also doch verrückt.

Geh und hilf ihm. Er hatte ja Recht. Was hatte er sich nur dabei gedacht, den kleinen Jungen sich selbst zu überlassen? Ein Blick in Garys Gesicht hatte ihm gezeigt, dass dieser keinen Spaß verstand.

Entschlossen stand er auf und ging die Straße zurück, die er gekommen war. Er war erst ein paar Schritte gegangen, als er ein leises Wimmern hörte. Verdutzt blieb er stehen und sah sich um, konnte jedoch niemanden erkennen. Dann konnte er plötzlich auch Garys Stimme vernehmen. „Ups. Na so’n Pech. Da ist mir doch glatt das Messer ausgerutscht.“

Sich nicht weiter darum kümmernd, dass er ja eigentlich auf die Entfernung nichts hätte hören dürfen, begann er zu laufen.


„Hör sofort auf, Gary!“

Die Hand, die das Rasiermesser hielt, verharrte in der Luft. Gary schaute erstaunt hoch und sah seinen Teamkollegen Jimmy auf sie zu rennen. Was wollte der denn hier?

„Und was, wenn nicht?“

Gary hatte eine weitere dicke Strähne von Blairs Haaren in seiner linken Hand. Mit einem bösartigen Grinsen zog er fest daran. Jimmy konnte sehen, wie sich das Gesicht des kleineren Jungen vor Schmerz verzog. Eine Blutspur zog sich vom vorderen Haaransatz, oder besser das, was von seinen Haaren übrig geblieben war, bis zum Hinterkopf. Jimmy konnte den süßlichen Duft von Blut riechen, was ihm die Magensäure in der Speiseröhre hochsteigen ließ.

„He? Was willst du dann machen?“ forderte ihn Gary weiter heraus. Er ließ die erhobene Hand heruntersausen und mit einem schnellen Schnitt hatte er die festgehaltene Strähne abgeschnitten. Wieder konnte man ein leises Wimmern vernehmen.

Mit einem Wutschrei warf sich Jimmy auf den älteren und größeren Gary, dem durch den Aufprall das Rasiermesser aus der Hand glitt und einige Meter zurück auf dem Asphaltboden geschleudert wurde. Gary schaffte es, den etwas schmächtigeren Jimmy von sich zu stoßen und rappelte sich langsam wieder auf.

Nun mischte sich auch Cole, der immer noch Blair auf dem Boden festgehalten und den Mund zugedrückt hatte, ein. Wie auch Gary war er einige Zentimeter größer als Jimmy und wog sicher auch einige Pfund mehr, was aber eher auf den runden Bauch zurückzuführen war als auf Muskelmasse. Leider hatte er aber gesehen, wohin das Rasiermesser geflogen war und lief schnell die paar Schritte zu der Stelle, wo es im Staub lag.

Jimmy konzentrierte sich währenddessen auf Gary, der wutschnaubend auf ihn zukam. Gary wischte sich mit dem Handrücken über sein Gesicht und bemerkte, dass ihm Blut aus der Nase lief.

„Ich habe dir gesagt, dass du es bereuen wirst, wenn du dich einmischt. Du bist die längste Zeit in unserem Team gewesen,“ brüllte er zornig. Mit einem Blick über Jims Schulter erkannte er, dass Cole hinter diesem mit dem Rasiermesser in seiner Hand stand. Ohne an die Folgen ihres Handelns zu denken nickte er Cole zu.

Jimmy wusste später nicht mehr so genau, ob er es wirklich gesehen hatte, oder ob es nur Glück war, aber er hätte darauf wetten können, dass er Cole’s Spiegelbild in Garys Augen erkannt hatte. Mit einem Aufschrei warf er sich zur Seite, während die erhobene Hand mit dem Messer herunterfuhr, aber nur noch die Luft an der Stelle durchschnitt, wo er zuvor gestanden hatte.

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Mit fest zugekniffenen Augen und vor Angst halb ohnmächtig lag Blair am Boden. Er bemerkte, dass sich etwas um ihn herum tat, aber was es war, konnte er nicht sagen. Auch wenn er es gewollt hätte, hätte er nicht seine Augen öffnen können, so fest hielt er sie geschlossen, so dass es schon fast eines physischen Gewaltaktes bedurfte, um sie zu öffnen. Die Angst ließ ihn am ganzen Körper zu Stein erstarren. Dann hörte er plötzlich die Stimme des dritten Jungen, von dem er geglaubt hatte, dass er weggegangen sei. So etwas wie Hoffnung stieg in ihm auf. Tief in seinem Innern hatte er das starke Gefühl, gerettet zu sein. Er bemerkte, dass das Gewicht, dass seinen Körper auf den Boden presste, sich hob und auch die Hand von seinem Mund verschwand.

Seinen ganzen Mut zusammenfassend öffnete er langsam sein rechtes Auge, aber er konnte nur den Himmel über sich erkennen. Vorsichtig drehte er seinen Kopf nach links und öffnete nun auch sein linkes Auge. Die Bewegung trieb ihm Tränen in die Augen, da seine Kopfhaut sich spannte und die Schmerzen in dem Schnitt erneut aufflammten.

Verschwommen konnte er drei Gestalten erkennen, von denen eine am Boden lag. Was genau hier vor sich ging, konnte er nicht genau sagen, da ihm die Tränen den Blick verschleierten. Er konnte wütendes Gebrüll von Gary hören, der sich jetzt auf die Gestalt am Boden stürzte. Nach einigem Blinzeln erkannte Blair, dass es sich hierbei in der Tat um den Jungen handelte, der vorhin einfach so weggegangen war. Wann war er wiedergekommen? War er gekommen, um ihm zu helfen? Die leise Hoffnung verwandelte sich in Erleichterung. Doch dann bemerkte er ein Aufblitzen in Garys Hand. Er hatte das Rasiermesser im festen Griff und wollte sich jetzt damit auf seinen Retter stürzen.

Blair wollte aufschreien, ihn warnen, aber nur ein Krächzen kam aus seiner Kehle. Verzweifelt versuchte er aufzustehen, aber mit den hinter seinem Rücken zusammengebunden Händen schaffte er das nicht. Also versuchte er das einzige was ihm möglich war. Mit einem Kraftakt, von dem er nicht gedacht hätte, dass er ihn schaffte, hob er seine Beine an und schwang sie herum. Sie landeten kurz vor den Füßen des großen Jungen, also rutschte er noch ein paar Zentimeter auf seinem Hintern weiter. Dann schlang er seine Füße um die Beine des Jungen und zog sie zu sich heran.

Cole, der sich nicht weiter um Blair gekümmert hatte, bemerkte zu spät, dass sich seine Füße verfangen hatten, und fiel der Länge nach in den Staub. Dabei entglitt das Rasiermesser seiner Hand und schlidderte wiederum einige Meter auf dem Boden entlang, bis es schließlich in dem Gitter eines Abwasserkanals verschwand.

Erleichtert schloss Blair für kurze Zeit seine Augen. Er hatte es geschafft. Als er sie wieder öffnete bemerkte er erstaunt, dass der große Körper des Jungen bewegungslos am Boden lag. Oh, mein Gott, er hatte ihn getötet!


Gary sah, dass er auf verlorenem Posten stand. Sein Kumpel Cole lag auf der Erde. Irgendwie hatte es der kleine Bastard geschafft, ihn auszuschalten. Neben ihm rührte sich Jimmy, der nach seinem Sprung zur Seite einen Moment lang bewegungslos liegen geblieben war.

Doch allein war Gary zu feige, ihm entgegen zu treten. Ein kurzer Blick auf Cole zeigte ihm, dass dieser nur leicht beduselt war. Auch er bewegte sich schon wieder. Gary war nicht nur feige, sondern auch egoistisch. So machte es ihm nichts aus, Cole zurückzulassen und das Weite zu suchen.


„Hey, Kleiner. Komm schon, mach die Augen auf.“

Jimmy schüttelte den kleineren Jungen sanft an der linken Schulter. Dabei bemerkte er erst, dass dessen Hände auf dem Rücken zusammengebunden waren. Verdammt, das musste wehtun. Vorsichtig rollte er Blair auf die Seite und untersuchte den Knoten in der Bandage. Durch das heftige Zerren hatte sich der Knoten stark zugezogen und ließ sich gar nicht so einfach öffnen. Aber Jimmy schaffte es sich auf die Fasern zu konzentrieren und nach kurzer Zeit konnte er Blairs Arme nach vorne ziehen.

Noch immer hatte der kleine Junge seine Augen fest zugekniffen. Aber er war wach, den Jimmy konnte ihn leise „Oh, Gott, ich habe ihn umgebracht“ flüstern hören.

Überrascht schaute sich Jimmy um. Als er aus seinem benebelten Zustand erwacht war, waren sie beide allein gewesen. Er hatte gerade noch Cole um die Ecke auf die Straße biegen sehen.

Beruhigend fuhr er Blair mit einer Hand über die Wange. Er holte ein Taschentuch aus seiner Hosentasche und wischte vorsichtig das Blut von der Stirn. Gott sein Dank, der Schnitt schien nicht allzu tief zu sein. Es hatte auch schon aufgehört zu bluten.

„Keine Angst, sie sind weg,“ redete er in einem sanften Tonfall weiter.

Blair hielt weiterhin fest die Augen geschlossen und murmelte leise weiter. „Oh, Gott, ich habe ihn umgebracht!“

„Du hast niemanden umgebracht, Kleiner. Sie sind alle weg. Du hast es überstanden.“

Nun endlich öffnete Blair erst ein Auge, dann das andere. Dort, wo sich zuvor noch sein vermeintlich totes Opfer befunden hatte, war nun niemand mehr zu sehen. Langsam drehte er den Kopf, um seinen Retter anzusehen. Dieses Mal tat die Bewegung nur noch halb so weh wie noch vor einigen Minuten.

„Du hast mich gerettet,“ flüsterte er leise.

„Da bin ich mir gar nicht so sicher,“ antwortete Jimmy. „Ich weiß nur noch, dass ich mich zur Seite geworfen habe. Dann müssen wohl kurz die Lichter bei mir ausgegangen sein. Als ich wieder klar gucken konnte, waren Gary und Cole weg.“

„Hilfst du mir bitte hoch?“ Blair hatte schon versucht, sich alleine aufzusetzen, hatte sich aber mit einem Stöhnen zurückfallen lassen. Nun schob Jimmy eine helfende Hand hinter seinen Rücken und stützte ihn.

„Warum bist du zurückgekommen?“ wollte Blair wissen.

„Du wirst es mir bestimmt nicht glauben,“ antwortete Jimmy. „Aber da war so ein komischer Indianer, der hat gesagt, dass ich dir helfen soll. War ja auch blöd von mir, überhaupt erst wegzugehen. Weiß auch nicht, was ich mir dabei gedacht habe. Gary ist ein Arschloch. Geschieht ihm ganz Recht, dass er eins auf die Nase bekommen hat,“ kicherte er.

Nun musste auch Blair lächeln. „Danke,“ flüsterte er leise.

„Nichts für ungut, Kleiner. Ich muss leider weg, mein Bus wartet. Kommst du allein zurecht?“

„Klar doch, bin doch kein Baby mehr. Obwohl, meine Mom wird mich bestimmt wie eines behandeln, wenn sie mich zu sehen kriegt.“

Jimmy tätschelte ihm leicht die Schulter. Dann erhob er sich und ging mit einem letzten Winken um die Kurve.

Blair schaute ihm hinterher, bis er aus seinem Blickfeld verschwand. Schade, er wusste nicht einmal den Namen seines Retters. Für einen Moment wollte er hinter dem größeren Jungen herrufen, besann sich aber schnell eines Besseren, als er merkte, dass sich bei der kleinsten Anstrengung seine Kopfhaut empfindlich spannte.

Oh Mann, jetzt musste er auch noch seiner Mom gegenüber treten. Er konnte sich jetzt schon vorstellen, wie sie ihn betuttelte ….


1999

„…. und als er weg war, dachte ich noch, dass ich gar nicht seinen Namen wusste,“ beendete Blair seine Geschichte.

Aber ich weiß ihn, dachte Jim im Stillen. Wie so vieles in seinem Leben, was mit seinem Sentinelfähigkeiten zusammenhing, hatte er auch diese kleine Episode vollkommen unterdrückt. Wie hatte er es nur vergessen können, dass er seinen Guide schon einmal in seiner Kindheit getroffen hatte. Plötzlich konnte er sich an alle Einzelheiten erinnern, wie ihm Incacha das erste Mal begegnet war, damals noch ein junger Mann, aber doch schon weise an Erfahrung. Wie er zum ersten Mal bemerkt hatte, dass seine Sinne anders waren. Er konnte sich erinnern, dass ihm seine besonderen Fähigkeiten damals im Laufe der Zeit normal vorgekommen waren, bis zu dem unglückseligen Ereignis mit Jim’s Coach Bud Heydash.

„… frage mich, was wohl aus ihm geworden ist,“ hörte er Blair weiterreden.

„Was? Tut mir leid, war wohl für einen Moment abgelenkt,“ gestand Jim.

„Der Junge. Der, der mich gerettet hat. Ich frage mich, was aus ihm geworden ist.“

Soll ich es ihm sagen? Jim lächelte leise vor sich hin.

„Das kann ich dir genau sagen. Sein Name war Jimmy und er wohnte in Cascade.“

„Na, da wäre ja ein riesen Zufall, wenn er hier in Cas….“ Blair stoppte abrupt, als ihm plötzlich dämmerte, was Jim da sagte.

„Stimmt.“

„Jim, willst du etwa sagen, dass du das damals warst?“

„Genau.“

„Jim, weißt du was das bedeutet?“

„Ja, dass es kein Zufall war, dass wir uns vor vier Jahren begegnet sind, sondern unser Schicksal. Du sprachst davon, dass ich dir erzählt hätte, dass mir ein Indianer begegnet ist. Das war meine erste Vision. “

„Whow! Ich hatte ja keine Ahnung,“ flüsterte Blair.

„Keine Bange. Ich bislang auch nicht. Aber ganz plötzlich ist alles wieder da. Mir ist damals Incacha erschienen. Er hat mir gesagt, dass ich dich retten muss, damit du mich retten kannst. Und ich glaube, das haben wir inzwischen zu Genüge geschafft.“

„Mein Gesegneter Beschützer,“ lächelte Blair.

„Mein Engel,“ antwortete Jim.

„Habe ich dir eigentlich schon mal gesagt, dass ich den Namen Angel hasse?“

„Ähm, ja, ich glaube du hast es hier und da in deiner Geschichte erwähnt.“

Jim konnte gerade noch dem Sofakissen ausweichen, das mit voller Wucht auf ihn zugeflogen kam. Hinterhältig lächelnd schnappte er sich ein weiteres vom Sofa und erwiderte das Feuer. Sein Wurf war ein Volltreffer und das Kissen kollidierte mit Blairs Brust. Für einen kurzen Moment rührte sich Blair nicht, verdattert aufgrund des „feindlichen Übergriffs“, dann brach er in ein herzliches Lachen aus.

Gott, es war schön, dieses Lachen zu hören. Jim hatte es in den letzten Monaten sehr vermisst. Seit dem Desaster mit der Dissertation und der Pressekonferenz, nein, wenn er ehrlich sein wollte, schon Wochen und Monate davor, war Sandburg in sich gekehrter gewesen und nur noch selten hatte er sein herzerfrischendes Lachen gehört, ganz zu schweigen davon, dass er ihn sich vor Lachen krümmend auf dem Boden kugeln sah.

Jim gesellte sich zu Blair auf den Boden vor dem Sofa.

„Weißt du, wenn wir uns jetzt beeilen, schaffen wir es noch zur Aufnahmezeremonie in der Akademie,“ sagte Jim.

Blair wurde plötzlich ernst und ein zweifelnder Ausdruck erschien auf seinem Gesicht.

„Keine Angst, ich habe alles geklärt. Sie erwarten dich zur Zeremonie zurück. Simon hat mir frei gegeben, damit ich dich begleiten kann.“

„Jim? Habe ich dir eigentlich schon mal gesagt, dass ich dankbar bin?“

„Wofür?“

„Dass du mein Freund bist. Dass wir weiter zusammen sind, auch wenn meine Sentinel-Forschungen zu Ende sind. Dass ich die Chance bekomme, weiter mit dir zusammen zu arbeiten.“

„Gern geschehen. Habe ich dir schon einmal gesagt, dass ich dankbar bin? Dafür, dass du mir ein guter Freund bist, dass du Chance wahrnimmst, weiterhin mit mir zusammen zu arbeiten. Weißt du, in den letzten Monaten hatte ich immer mehr das Gefühl, dass du dich in unserer Partnerschaft nicht mehr wohl fühlst. Ich bin froh, dass ich mich scheinbar in der Hinsicht geirrt habe.“

„Es war nicht so, dass ich mich unwohl gefühlt habe. Es war mehr so, dass ich Angst davor hatte, was kommen würde, wenn meine Forschungen beendet sind. Angst davor, ob Simon mich bleiben lassen würde, wenn er wüsste, dass meine Arbeit beendet ist.“

„Chief, deine Arbeit ist niemals beendet. Und das weiß Simon ganz genau, sonst hätte er niemals diese Vereinbarung mit dem Polizeichef arrangiert. Egal wie sehr es auch danach aussehen mag, dass ich meine Sinne unter Kontrolle habe, dann doch nur deswegen, weil mein persönlicher kleiner Schutzen….“

„Jim! Ich warne dich.“

Ende

 

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