Fic: Liar, Liar, Pants on Fire

Titel: Liar, Liar, Pants on Fire
Eingestuft: G (K)
Inhalt: Frei nach dem Film „Der Dummschwätzer“ – Blair kann plötzlich nicht mehr lügen
Charaktere: Blair Sandburg, Jim Ellison
Genre: Humor, Angst
Kapitel: 1
Fertig: Ja
Worte: 5.384

„Sandburg, waren wir nicht heute Morgen um zehn hier verabredet?“

Blair Sandburg, der gerade von einem leichten Hustenanfall geschüttelt das Büro von Major Crime betreten hatte, stoppte abrupt und lugte möglichst unauffällig auf seine Armbanduhr. Verdammt, fünf nach zwölf. Er hatte es total vergessen. Nicht, dass er etwas Wichtigeres vorgehabt hätte, nein, schlicht und einfach vergessen.

„Ähm … tut mir leid, Jim. Ich war beim Dekan zu einer wichtigen Besprechung über unsere Fakultätsfinanzen. Hatte ich dir davon nicht erzählt? Stand schon seit einer Woche auf dem Terminplan.“

Eine kleine Notlüge, aber er konnte wohl schlecht zugeben, dass er den Vormittag mit dem Aufräumen der Weihnachtsschmuckkartons im Keller verbracht hatte, weil ihm nichts Besseres eingefallen war, oder genau genommen das ‚Bessere‘ vergessen hatte.

„Ich hätte deine Hilfe wirklich gut bei der Befragung des Zeugen gebrauchen können. Ich hatte einige Mühe mich auf ihn zu konzentrieren, um rauszukriegen, ob er gelogen hat oder nicht.“ Jim war sauer, eindeutig.

Ups, hatte Jim wohl erkannt, dass er eben gelogen hatte? Hoffentlich nicht.

Jim blickte ihn mit einem undeutbaren Gesichtsausdruck an, nickte nur knapp, ehe er sich wieder den Akten auf seinem Schreibtisch zuwandte.

Leicht geknickt zog sich Blair einen freien Stuhl heran und setzte sich neben Ellison.

„Woran arbeitest du?“

„Immer noch dieselbe Sache.“

„Der Abraham-Fall? Gibt’s was Neues?“

„Nichts, Chief, rein gar nichts.“ Jim taute etwas auf. „Der Zeuge von heute Morgen, Jeff Fraiser, ein Fahrer der Firma, hat uns auch nichts Neues erzählt – obwohl ich das dumpfe Gefühl habe, dass er mehr weiß.“

Die Abraham Diamond Ltd., landesweit führend im Diamantenhandel, hatte den Verdacht geäußert, dass einer oder mehrere ihrer Mitarbeiter in Diebstähle verwickelt waren. Der Schaden ging in die Millionen. Bisher konnte jedoch nicht ermittelt werden, wann und wo diese Diebstähle genau von statten gingen. Der Kreis der Verdächtigen war überschaubar, aber noch fehlte es an Beweisen.

Jim zog mehrere dünne Hefter aus seinem Aktenstapel hervor und schob sie zu Blair.

„Hier, wo du jetzt endlich da bist, kannst du dich auch nützlich machen. Diese Aussagen müssen noch überprüft werden.“

Blair klappte die oberste Akte auf und begann zu lesen.

Sandburgs Aktenstudium gab Jim Zeit, über die eben gehörte Notlüge nachzudenken. Ja, er wusste genau, dass Blair ihn angeschwindelt hatte. Sandburg konnte zwar sprichwörtlich lügen ohne rot zu werden, aber das nützte ihm hier natürlich nicht viel. Sein beschleunigter Herzschlag beim Erwischtwerden hatte ihn verraten.

Natürlich, Blair konnte mit Recht verlangen, dass Jim nicht jeden seiner Sätze auf ihren Wahrheitsgehalt überprüfte. Und das tat er auch nicht, jedenfalls nicht vorsätzlich. Es war mehr so, dass es ihm in letzter Zeit zu einer lieben Gewohnheit geworden war, den Puls und die Atmung seines Guides aufzuschnappen, sobald dieser in seine Nähe kam. So kam es auch, dass er in den letzten Monaten leider immer häufiger feststellen musste, dass Blair es mit der Wahrheit nicht immer so genau nahm. Eine kleine Notlüge fürs Zuspätkommen hier, eine kleine Schwindelei über unerledigte Hausarbeiten da, Ausreden für versprochene und dann doch vergessene Anrufe. Und leider kam es immer häufiger vor.

„Hier, schau dir das an. Die Aussagen der beiden Fahrer widersprechen sich. Ihre Angaben über ihre Mittagszeiten, die laut Firmenpolitik immer zeitgleich verbracht werden müssen, unterscheiden sich um fast zwanzig Minuten. Da sollten wir mal nachhaken.“

Aus seinen Grübeleien aufgeschreckt, lehnte sich Jim vor und überprüfte die angegebenen Zeiten. Sandburg hatte Recht. Das war die erste wirklich heiße Spur. Die Frage, warum Blair in letzter Zeit log wie Münchhausen, würde warten müssen. Es gab Arbeit zu erledigen.

Die Ausdrucke der elektronischen Zeiterfassung durchzusehen, hatte zwar länger gedauert als erwartet, aber dafür hatten sie Ergebnisse vorzuweisen und beschlossen, es für heute gut sein zu lassen. Jim war zufrieden mit dem Ergebnis. Alle Fahrer hatten wasserdichte Alibis für die Tatzeiten – bis auf zwei. Deren Alibis waren löchriger als ein Schweizer Käse, praktisch nicht existent. Sie hatten ihre Hauptverdächtigen.)

Blair, der auf dem Beifahrersitz des Trucks hockte, wurde gerade wieder von einem Hustenanfall geschüttelt. Eigentlich gehörte er ja ins Bett, das wusste er selbst. Aber um den dummen Vorfall vom Morgen wieder wettzumachen, war er den ganzen Nachmittag bemüht gewesen, Jim auf jegliche Art zu unterstützen.

Blair bemerkte, wie Jim ihn mit kritischem Auge betrachtete.

„Chief, vielleicht sollte ich heute Abend doch zu Hause bleiben. Du hörst dich gar nicht gut an. Und dein Fieber kann ich in einem Meter Entfernung spüren.“

Oh, Mann. Jims Verabredung mit Marcy. Daran hatte er überhaupt nicht mehr gedacht. Blair spürte einen leichten Stich von Eifersucht, beherrschte sich dann aber. „Ist halb so schlimm.“ antwortete er gleichmütig. „Ich muss ohnehin heute Abend noch die Semesterabschlussarbeiten korrigieren. Du kannst also ruhig ausgehen.“

„Bist du sicher, dass du heute noch arbeiten solltest? Deine Bronchien rasseln wie ein Kettenfahrzeug“, drängte Jim.

„Nein, nein, mir geht’s prima“ leugnete Blair. „Ich muss die Arbeiten wirklich noch vor Weihnachten erledigen und abgeben. Aber wenn du drauf bestehst, leg ich mich auf die Couch und gönn‘ mir heute einen ruhigen Abend

Wer’s glaubt, wird selig, Chief, dachte Jim. Dir geht’s überhaupt nicht prima. Aber wenn du es so willst, meinetwegen. Ich wünschte nur, du könntest mal für einen Tag sehen, was du mit deinen kleinen Flunkereien so anrichtest.

In diesem Moment rief Blair, „Jim, schau nur, eine Sternschnuppe. Das ist etwas ganz Besonderes am Dezemberhimmel.“ Er wedelte aufgeregt mit einer Hand in Richtung Windschutzscheibe. „Wünsch dir was.“

Habe ich schon, Chief, habe ich schon.

Es war schon nach Mitternacht, als Jim von seinem Date nach Hause zurückkehrte. Er hatte die teils angenehme, teils etwas langweilige Gesellschaft von Marcy MacLaine ertragen, obwohl er viel lieber in Gesellschaft einer anderen Person gewesen wäre, wie er sich selbst eingestand.

Als Jim das Loft betrat, fand er Blair auf dem Sofa schlafend vor. Leise legte er die Schlüssel auf die Anrichte neben der Tür und zog seine Jacke aus.

Auf dem Wohnzimmertisch stand Blairs Laptop, noch ans Telefonnetz angeschlossen, und ein Bildschirmschoner mit laufenden Wölfen flackerte auf dem Display, was deutlich aussagte, dass der Laptop vor gar nicht allzu langer Zeit benutzt worden war, denn sonst wäre er inzwischen zum Energiesparmodus übergewechselt.

Soviel zum Thema Ausruhen, dachte Jim bei sich. Er beugte sich über die Rückenlehne der Couch und schüttelte Blair sanft an der Schulter.

Leise winselnd drehte sich Blair auf den Rücken und öffnete schläfrig seine Augen. Dann setzte er sich abrupt auf, was ihm einen Hustenanfall eintrug. Er krümmte sich nach vorne und hustete, bis ihm die Luft wegblieb. Jim klopfte ihm auf den Rücken, um ihm das Abhusten zu erleichtern.

Als Blair endlich wieder zu Atem kam, sank er keuchend zurück auf die Couch.

„Oh Mann, ich hasse es krank zu sein“, stöhnte Blair mitleiderregend.

„Wie war dein Abend, Chief? Hast du dich ausgeruht, wie versprochen?“, fragte Jim.

Na sicher, bin schon seit neun auf dem Sofa, wollte Blair antworten, aber heraus kam, „Bin nicht dazu gekommen. Ich musste die Arbeiten noch korrigieren und etwas recherchieren. Ich sitze hier seit Stunden vor dem Laptop und arbeite.“

Vor lauter Schreck musste Blair wieder husten und schlug sich die Hand vor den Mund. Für Jim sah es so aus, als würde er sich wegen des Hustens die Hand vor den Mund halten, tatsächlich war er aber so erschrocken über seine Antwort, dass er lieber nicht riskieren wollte, dass weitere ungewollte Sätze aus ihm heraus sprudelten.

Diese Antwort hatte Jim jetzt nicht erwartet. Was er erwartete hatte, waren Ausflüchte und Ausreden. Er setzte sich auf die Kante des Wohnzimmertisches und legte Blair eine Hand auf die Stirn.

„Fast hundertvier, Chief. Los, ab ins Bett mit dir. Hast du die Aspirin genommen, die ich dir rausgelegt hatte ?“

Blair, der nicht allzu viel von chemischen Medikamenten hielt, hatte sich stattdessen einen Kräutertee zubereitet. Da er genau wusste, dass Jim nicht allzu viel von seinen natürlichen Heilmittelchen hielt, war es wohl nicht angebracht, Jim die Wahrheit zu sagen, dass er nämlich die Tabletten in der Toilette hinunter gespült hatte.

Doch des beabsichtigten ‚Hab ich, Jim‘ sprudelte etwas gänzlich Anderes hervor. „Die ist im Klo gelandet, Jim. Du weißt, dass ich keine Chemie in meinem Körper will. Ich dachte mir, ein Kräutertee wirkt besser.“

Leider kam diesmal kein rettender Hustenanfall, um seinen Schrecken über seine Antwort zu vertuschen.

Langsam zog Jim eine Augenbraue in die Höhe. Okay, das wurde jetzt definitiv unheimlich. Kopfschüttelnd stand er auf, ging zum Medizinschränkchen im Badezimmer und holte eine neue Tablette.

„Die wird jetzt aber geschluckt, sonst stopfe ich sie dir eigenhändig in den Rachen“, drohte er, als er mit einer Aspirin und einem Glas Wasser bewaffnet wieder zurückkam.

„Jiiiimmm.“

„Keine Widerrede. Wenn du’s nicht schon für dich tust, dann tu’s für mich. Sonst mache ich bei dem Husten heute Nacht kein Auge zu.“

Widerstrebend nahm Blair die Tablette und spülte sie mit einem großen Schluck Wasser hinunter.

„Und jetzt ab ins Bett.“

Zu müde, um zu widersprechen, schlurfte Blair in Richtung Zimmer unter der Treppe. An der Tür schaute er sich noch einmal um und wünschte Jim eine gute Nacht.

„Dir auch, Chief. Schlaf gut.“

Mit einem leisen Klick schloss sich die Tür hinter Blair. Jim fuhr sich mit der Hand übers Gesicht und sein Blick fiel auf den Laptop. Jetzt erst war das Gerät in Energiesparmodus gefallen. Ein stummer Beweis dafür, das Blair noch bis vor Kurzem daran gearbeitet hatte. Geistesabwesend zog Jim den Stecker aus der Telefondose und klickt mit dem Mauszeiger auf „Computer ausschalten“. Und Sandburg hatte es auch noch zugegeben. Eine Seltenheit in den letzten Monaten. Der Bildschirm wurde schwarz und Jim klappte das Gerät zu.

Stirnrunzelnd stieg er die Treppe hinauf zum Schlafzimmer hoch. Ihm ging nicht aus dem Kopf, was er gerade von Blair gehört hatte. Statt der gewohnten Ausflüchte und Ausreden war er mit der Wahrheit konfrontiert worden.

Es muss ihm wohl wirklich dreckig gehen, wenn er noch nicht einmal darüber flunkern kann, dachte Jim besorgt.

Am nächsten Morgen, es war Heiligabend, quälte sich Blair mühsam aus dem Bett und schlurfte in die Küche. Die Nacht war unruhig und wenig erholsam gewesen. Er fühlte sich wie gerädert. Zum Teufel mit Algenmix und Kräutertee, ihm war nach Kaffee. Starkem Kaffee. Müde blinzelte er zur Küchenuhr. Oh verflixt, schon nach neun. Zeit, sich etwas zu beeilen, falls er die korrigierten Arbeiten noch rechtzeitig abliefern wollte, ehe er zu Jim ins Büro fuhr.

Ein Zettel auf dem Küchentisch fiel ihm ins Auge. Habe deine Semesterarbeiten mitgenommen und gebe sie pünktlich im Dekanatsbüro ab. Bleib heute im Bett und erhol dich. Bis heute Abend. J.

Blair musste lächeln. Ihn überkam ein warmes Gefühl bei dem Gedanken daran, dass Jim den Umweg zur Uni in Kauf nahm, um ihn diesen kleinen Gefallen zu tun.

Er schleppte sich ins Badezimmer und warf einen Blick in den Spiegel. Na klasse. Er sah genau so aus, wie er sich fühlte. Seine Augen waren angeschwollen, seine Nase war tiefrot und tröpfelte leise vor sich hin. „Guten Mo…“ Autsch. Aus seiner Kehle kam nur ein leises Krächzen. Und es tat weh, sogar ziemlich. Einfach wundervoll.

Jim hatte Recht. Es war definitiv Zeit für härtere Bandagen. Seufzend öffnete er das Badezimmerkabinett und holte Aspirin sowie eine Flasche Senquil hervor, auf der in seiner eigenen Handschrift „Nicht für Sentinels geeignet“ geschrieben stand.

Wenn er die Feiertage einigermaßen munter überstehen wollte, musste er jetzt dringend etwas unternehmen. Er hatte einfach keine Zeit, krankzufeiern. Schließlich war Weihnachten. Auf dem Revier erwarteten alle, das er die traditionelle Betriebsfeier organisierte, wie jedes Jahr. Zum Glück hatte er sich schon Megans Mithilfe gesichert.

„Okay, was sein muss, muss sein.“ Mit angeekeltem Gesichtsausdruck nahm er einen großen Schluck aus der Hustensaftflasche.

„Was machst du denn hier?“, fragte Jim mit besorgtem Gesichtsausdruck, als Blair das Büro betrat und sich die Lunge aus dem Leib hustete. „Hatte ich dir nicht gesagt, dass du heute im Bett bleiben sollst?“

Jim hatte sich am Morgen leise aus dem Loft geschlichen, um ihn ja nicht zu wecken. Blair benötigte den erholsamen Schlaf, besonders, nachdem er letzte Nacht so lange aufgeblieben war.

„Es geht mir Scheiße, wenn du’s genau wissen willst.“ Mit einem tiefen Seufzer ließ sich Blair auf den nächstbesten Stuhl fallen und schloss die Augen.

Jim war sichtlich überrascht, eine so wahrheitsgetreue Aussage über Blairs Gesundheitszustand zu hören. Offensichtlich setzte sich Sandburgs – in letzter Zeit eher ungewohnte und fast schon unheimliche – Wahrheitsliebe heute fort. Jedenfalls machte er ihm nichts vor und spielte seinen Zustand nicht herunter. Irgendwas war im Busch.

„Ich habe deine Semesterarbeiten im Sekretariat des Dekanats abgegeben“, beruhigte Jim seinen Partner. „Eigentlich solltest du dich heute ausspannen und erholen“, tadelte er weiter.

Als Blair den Mund öffnete, um etwas Passendes zu erwidern, ließ ihn sein Mundwerk erneut im Stich. „Stimmt!“ Keine Ausrede über vorweihnachtliche Verpflichtungen oder Vorbereitungen von Weihnachtsfeiern. Über seine Lippen kam einfach nur ein knappes ‚Stimmt!‘

Vergeblich versuchte er noch ein weiteres Mal, Jim zu erklären, dass noch so vieles für die Departmentfeier organisiert werden musste und er Megan damit unmöglich allein lassen konnte. Doch heraus kam stattdessen: „Ich sag Megan kurz Bescheid, dass ich ihr nicht helfen kann.“

Er stand auf, um in Richtung Megans Schreibtisch am hinteren Ende des Großraumbüros zu gehen, doch urplötzlich schien sich der Raum um ihn herum zu drehen. Er schloss seine Augen und versuchte, das Gleichgewicht wieder erlangen. Ehe er sich versah, fand er sich in den stützenden Armen seines Sentinels wieder, was, wie er insgeheim zugeben musste, gar kein so schlechter Aufenthaltsort war.

Yup, er musste wirklich krank sein, wenn er solche Gedanken zuließ.

In diesem Moment kamen Brown und Rafe zur Tür herein. Rafe reagierte sofort. „Was ist passiert, Jim? Was hat er?“

Jim warf den Beiden einen kurzen Blick zu. „Erkältet und übermüdet.“

Brown rollte die Augen. „Hairboy, Hairboy, hast du denn zu Hause kein Bett zum Schlafen?“

„Doch, aber da habe ich keinen Jim, der mich umarmt“, erwiderte Blair leicht nuschelig. Stöhnend schloss er die Augen. Oh Gott, lass mich sterben.

„Okay, das reicht!“, bestimmte Jim.

Es war schon Mittag, als er Blair ins Loft und auf direktem Weg gleich in dessen Schlafzimmer unter der Treppe gebracht hatte. Jim nahm sich einen Moment Zeit, um seinen kranken Partner zu begutachten.

Blair sah wirklich schlimm aus und sein Husten klang trocken. Sein gerötetes Gesicht und die heiße Stirn zeigten deutlich, dass er wieder Fieber hatte.

„Gut, einfacher Plan: Aspirin, Hustensaft und meinetwegen auch deinen Erkältungstee aus dem Himalaya oder sonst woher. Sag mir nur welchen, und du kriegst ihn.“

„Kein‘ Tee, schmeckt eklig und hilft auch nicht weiter. Brauch was Stärkeres“, hörte er Blair leise flüstern.

Stopp mal, wie war das? Hatte er gerade tatsächlich gehört, wie der überzeugte Homöopath zugegeben hatte, die sonst so verachtete „chemische Keule“ zu brauchen, um wieder auf die Beine zu kommen?

Stirnrunzelnd setzte sich Jim neben Blair auf das Bett und begann, ihn von seinen Kleidungsstücken zu befreien. Als Blair nur noch mit Slip und Unterhemd bekleidet war, holte Jim rasch einen Jogginganzug aus dem Schrank und zog ihn seinem Freund über.

Er verfrachtete Blair unter die Bettdecke und ging anschließend ins Badezimmer, um die entsprechenden Medikamente zu holen. Beim Anblick von Blairs Handschrift auf der Hustensaftflasche musste er lächeln. Er war unendlich dankbar dafür, dass Blair es auf sich nahm, sich so sehr um das Wohlergehen seines Sentinels zu kümmern. Wenn Sandburg doch nur genau so sorgsam auf sich achten würde.

Innerlich schalt Jim sich selbst dafür, dass er es hatte soweit kommen lassen. Schon vor Tagen hätte er ein Machtwort sprechen müssen, als er bemerkt hatte, dass Blair mit kleinen Notlügen über seinen schlechten Zustand hinwegzutäuschen versuchte.

Auf dem Weg vom Badezimmer zu Blairs Raum entschied er, dass ein heißer Tee Blairs Kehle wohl doch gut tun würde, egal ob die Kräuter nun halfen oder nicht. Er setzte schnell Wasser im Kessel auf, nahm eine Dose mit Salbeitee vom Regal und wartete, dass das Wasser zum Kochen kam.

Seine Gedanken kehrten zu den Ereignissen des heutigen Tages zurück. Blair hatte nicht einmal versucht, seinen Zustand herunter zu spielen. Hatte er wohl endlich eingesehen, dass es keinen Zweck hatte, einen Sentinel zu belügen?

Kopfschüttelnd ging er zurück in Blairs Zimmer und setzte sich auf die Bettkante.

Blair hatte sich unter der Bettdecke zusammenrollt, schaute ihn aber mit inzwischen nicht mehr ganz so glasigen Augen an.

„Hier ist der Saft und zwei Aspirin. Die senken das Fieber. Wenn es morgen früh nicht besser ist, geht’s ab zum Arzt. Haben wir uns verstanden, Chief?“

Blair rappelte sich hoch, setzte sich im Bett auf und nahm dankbar die Tabletten sowie die Tasse an. Fürsorglich legte Jim einen Arm um seine Schultern, um ihn abzustützen.

Blair lehnte sich dankbar in die Umarmung. Gott, das war herrlich. Einfach loslassen können. Sollte sich der Teufel um die Weihnachtsfeier scheren. Jims Arm um seine Schultern fühlte sich einfach zu gut an. Blair setzte die Tasse ab. Jims Hand an seiner Schulter drückte mitfühlend zu, bot Stütze, Verlässlichkeit und das Versprechen, für ihn da zu sein. Unwillkürlich ließ er den Kopf gegen Jims Schulter sinken.

Es fühlte sich gut an.

Auch Jim genoss das gute Gefühl, das ihm die Umarmung bescherte. Wie gerne würde er sich jetzt einfach neben seinen Partner legen und ihn einfach nur halten. Er verstand diese neu entwickelten Gefühle noch nicht ganz. Seit wann fühlte er sich so zu seinem Freund hingezogen?

Jim drückte noch einmal zu, sanfter, diesmal, länger. Das Gewicht von Blairs Kopf an seiner Schulter war eine willkommene Last. Die lebendige Nähe von Blairs Körper eine verlockende Einladung, sich einfach neben ihn zu legen, ihn zu halten, sich zwischen ihn und den Rest der Welt zu stellen bis Blair sich wieder stark genug fühlte, ihr selbst gegenüberzutreten. Verrückt, schließlich war Sandburg ein erwachsener Mann. Jim wandte den Kopf ein wenig und sog verstohlen den Geruch ein, der von Blair ausging. Maskulin. Herb. Vertraut. Aber mit einem deutlichen Stich ins Bittere, der ihm instinktiv verriet, wie hart Blairs Körper gegen die Erkrankung kämpfte. Und plötzlich war es Jim egal, wie verrückt seine Gefühle waren, oder seit wann er sie hegte.

Ein Räuspern von Blair brachte ihn aus seinen Tagträumen zurück in die Wirklichkeit.

„Bist du bei dem Fall weiter?“

„Nein, leider noch nicht. Wir hatten geplant, die beiden Fahrer heute nochmal zum Verhör zu laden, nur sind beide von der Bildfläche verschwunden. Wir haben sie zur Fahndung ausgeschrieben.“

„Nicht gut.“ Blair musste unwillkürlich wieder daran denken, dass er Jim gestern Morgen belogen hatte. Auch wenn es nur eine kleine Flunkerei gewesen war, wusste er doch, dass Jim nichts auf der Welt so sehr hasste wie Lug und Betrug, ganz besonders unter Freunden.

Er nahm noch einen großen Schluck von dem Tee und fühlte, wie sich seine Bronchien beruhigten. Okay, es war Zeit, reinen Tisch zu machen.

„Jim?“

„Hm?“

„Tut mir leid, aber ich muss dir sagen, dass ich dich gestern belogen habe. Ich hatte ganz einfach vergessen, dass wir verabredet gewesen waren.“ Ein Husten unterbrach ihn. Jim nahm ihm schnell die Tasse aus der Hand, damit er sich nicht noch an dem heißen Tee verbrühte.

„Schon gut, Chief. Ich weiß, dass es dir leid tut. Und ich wusste schon gestern, dass du mich belogen hast.“

Blair wurde noch eine Nuance röter.

„Aber ich bin froh, dass du es schaffst, endlich mal Farbe zu bekennen. Ehrlich gesagt, ich bin ohnehin etwas überrascht. Gestern hättest du dir lieber einen Zahn ziehen lassen, als zuzugeben, dass du dich dreckig fühlst. Heute scheint das kein Problem mehr zu sein. Was ist passiert?“

„Keine Ahnung, irgendwie habe ich heute das Bedürfnis, immer nur die Wahrheit zu sagen.“

„Ach, darf ich daraus schließen, dass du es des Öfteren mit der Wahrheit nicht so genau nimmst?“

Das war nun etwas, was Blair überhaupt nicht gerne zugeben wollte, aber schon wieder wollte sein Mund nicht so wie sein Gehirn.

„Leider ja.“ Erschrocken schlug sich Blair eine Hand vor den Mund, aber es war schon heraus. Stöhnend wollte er sich zurückwerfen, aber Jims Arm um seine Schultern hielt ihn aufrecht.

‚Okay, langsam wird es interessant‘, dachte Jim. Irgendetwas ging hier vor, was Blair nicht unter Kontrolle hatte. Blairs erschrockene Geste verriet ihm, dass Sandburg nicht im Entferntesten daran gedacht hatte, so etwas zuzugeben.

„Und darf ich auch annehmen, dass du derzeit nicht lügen kannst?“ Jims Stimme klang so unschuldig wie frisch gefallener Schnee. Er kannte die Antwort, oder vermutete sie zumindest.

„Oh Gott, Jim. Tu mir das nicht an. Ja, ich kann im Moment scheinbar nicht die Unwahrheit sagen.“ Ich will mal hoffen, dass das nicht für ewig anhält, fügte Blair in Gedanken hinzu.

Aha, Sandburg konnte derzeit nicht lügen, wusste der Kuckuck warum. Interessant. ‚Doch, aber da habe ich keinen Jim, der mich umarmt.‘ Jims Herz machte einen kleinen, verräterischen Sprung, als er die Tragweite dieser Äußerung realisierte. Blair konnte derzeit nicht lügen. Und nach Scherzen war ihm todsicher nicht gewesen. Das bedeutete… nein. Für dieses Gespräch war er noch nicht bereit, so sehr er sich auch wünschte, es zu sein. Feigling. Blair war nicht der Einzige, der lernen musste, Farbe zu bekennen.

Sandburgs Herz galoppierte, als er sich mit den Händen übers Gesicht fuhr und innerlich aufstöhnte. Das durfte nicht wahr sein. Das konnte einfach nicht wahr sein. So etwas gab es doch gar nicht. War er jetzt dazu verdammt, für immer und ewig die Wahrheit zu sagen? Das klang wie ein verdammtest Märchen. Er warf Jim einen verstohlenen Seitenblick zu und malte sich ein ganzes Szenario an peinlichen Fragen aus, angefangen bei den verfärbten und heimlich entsorgten Socken bis zum Bekenntnis, warum er in drei Jahren noch immer nicht über das Einführungskapitel seiner Dissertation hinausgekommen war. Gott sei Dank hatte Jim keinen Anlass, ihm die schwierigste aller Fragen zu stellen. Das tiefste seiner Geheimnisse, seine Sehnsucht nach Jim, war sicher. Der Gedanke versetzte ihm einen kleinen, schmerzlichen Stich.

Jims Stimme riß ihn aus den Gedanken. „Ich will dich jetzt nicht weiter quälen. Schlaf erstmal eine Runde, und dann sehen wir, wie es dir geht.“

Puh, der Kelch war noch einmal an ihm vorübergegangen. Aber er hatte das dumpfe Gefühl, dass dies nicht lange anhalten würde.

Jim nahm die Tasse mit dem inzwischen abgekühlten Tee vom Nachtschränkchen und drückte Blair die zwei Tabletten in die Hand, die dieser auch widerstandslos mit einem Schluck Tee herunter spülte.

„Ruh dich aus. Wir reden später weiter.“

Blair hatte es geahnt. Diese Sache war noch nicht ausgestanden.

Nachdem Jim das Zimmer verlassen hatte, lauschte er noch eine Weile den rasselnden Atemzügen seines Freundes, bis er sicher war, dass Blair eingeschlafen war.

Den Kopf voller Gedanken, setzte er sich ins Wohnzimmer und versuchte, Ordnung in seine aufgewühlten Gefühle zu bringen. Es hatte keinen Zweck, sich selbst anzulügen. Was er für Blair empfand, war weit mehr als nur Freundschaft.

Er rief sich die letzten Stunden ins Gedächtnis zurück und erinnerte sich an Blairs Körper in seinen Armen. Warm. Solide. Lebendig. Voller Vertrauen hatte sich Blair in seine Umarmung gelehnt. Das Gefühl von Richtigkeit ließ Jims Herz überquellen. So sollte es sein, dies war Blairs Platz. Nicht nur, wenn er krank war.

Lächelnd legte sich Jim auf dem Sofa zurück und lauschte wieder nach seinem Partner. Seine Atmung hatte sich etwas beruhigt, aber noch immer war das Rasseln seiner Bronchien zu hören.

Er merkte nicht einmal, wie er in den Schlaf glitt.

Als Blair erwachte, kam ihm als Erstes das geführte Gespräch mit Jim in den Sinn. Was war nur mit ihm geschehen, dass es ihm nicht möglich war, auch nur die kleinste Notlüge oder Flunkerei von sich zu geben? Erst jetzt, nach nur einem Tag der „Wahrsagerei“ fiel ihm auf, wie oft er sich doch in kleine Unwahrheiten oder Ausreden flüchtete.

Er liebte Jim. Nicht wie einen Bruder oder einen Freund. Das hier war echte, tiefe Liebe, er wollte sein Leben mit Jim verbringen, er wollte mit ihm alt werden.

Allerdings standen die Chancen dafür nicht besonders gut. Sicher, Jim empfand eine tiefe Zuneigung zu ihm, aber sicher nicht das, was man gemeinhin „Liebe“ nannte.

Ein Klopfen an der Tür zu seinem Zimmer ließ ihn aus seinen Grübeleien hochschrecken.

„Ich bin wach“, krächzte er mühsam.

Die Tür öffnete sich und Jim erschien mit einem Tablett, auf dem ein Teller mit dampfender Suppe stand, dem Geruch nach Hühnersuppe.

Er stellte das Tablett auf Blairs Schreibtisch ab, wo zum Glück noch eine Ecke frei war. Dann ging er zum Bett und half Blair sich aufzusetzen. Mit langgestrecktem Arm angelte er nach dem Tablett und stellte es auf Blairs Schoß ab.

„Wie spät is’es?“, nuschelte Blair. Da war es wieder, das vertraute Gefühl von Jims Arm um seine Schultern.

„Schon nach sieben“, antwortete Jim. „Simon hat angerufen. Ich muss gleich nochmal weg. Einer der Verdächtigen wurde an der Stadtgrenze abgefangen und zum Verhör reingebracht.“

Blair nahm einen Löffel Suppe und schluckte langsam. Sein Rachen tat ihm vom vielen Husten immer noch weh.

„Ich komme …“ mit, versuchte Blair zu sagen, aber Jim fiel ihm ins Wort.

„Nichts da. Du bleibst schön im Bett. Ich schaffe das auch alleine.“

„Jim, du brauchst mich.“

Ach ja. Der Misserfolg vom Vortag. Der unausgesprochene Vorwurf, den er Blair da gemacht hatte, schlug jetzt auf ihn zurück und war im Begriff, seinen Partner vorzeitig aus dem Bett zu treiben.

„Ich brauche einen gesunden Partner, auf den ich mich verlassen kann.“ Okay, das war jetzt etwas unter der Gürtellinie, aber wenn ein wenig schlechtes Gewissen dabei half, dass Blair sich schonte, lag so ein Schachzug keineswegs unter Jims Würde.

„Jim, ich hatte schon gesagt, dass es mir Leid tut, was willst du denn noch?“

„Ich weiß nicht, was hier vor sich geht.“ Jim fuhr sich mit der Hand durch die Haare und schaute in eine andere Richtung. Er konnte bei dem, was er jetzt zu sagen hatte, keine Ablenkung gebrauchen. „Wenn es wirklich so ist, dass du nur noch die Wahrheit sagen kannst, dann muss ich davon ausgehen, dass das, was du eben gesagt hast, nämlich dass ich dich brauche, auch der Wahrheit entspricht.“

Blair blickte ihn verständnislos an. „Und?“

Verflixt, das war schwerer, als er sich vorgestellt hatte. Er setzte sich auf die Bettkante und blickte seinen Partner wieder in die Augen. „Hör zu, Blair. Ich brauche dich tatsächlich. Nicht nur beruflich.“

Blairs Augen wurden groß und fragend. Jim holte Luft.

„Ich brauche dich in meinem Leben. Aber ich kann nicht mit jemandem leben, der mich anlügt. Der über Belanglosigkeiten schwindelt und vielleicht auch über wichtigere Sachen lügt. Und es gibt Dinge… Ich habe darüber nachgedacht…“ Jim suchte nach Worten.

„Jim, was ist los?“ Blairs Stimme war nur ein Flüstern.

Jim reckte die Schultern und sah Blair geradewegs ins Gesicht. „Ich weiß nicht mehr wo ich mit dir stehe. Ich brauche eine ehrliche Antwort. Um was geht es dir wirklich? Nur um deine Doktorarbeit? Was bin ich für dich? Siehst du mich wirklich als Freund? Was fühlst du für mich?“

Ich hasse dich, ich hasse dich, ich hasse dich, dachte Blair verzweifelt, wusste er doch genau, dass etwas vollkommen anderes über seine Lippen kommen würde. Er bemühte sich verzweifelt, seinen Mund geschlossen zu halten, aber es hatte keinen Zweck, es sprudelte nur so aus ihm heraus.

„Ichliebedich.“

Ein Moment des Schweigens entstand. Langsam glitt ein Lächeln auf Jims Gesicht, das Blair leider nicht sehen konnte, weil er krampfhaft auf die Bettdecke starrte, um Jims Blick nicht begegnen zu müssen.

Fröhlich pfeifend verließ Jim den Verhörraum. Obwohl es schon nach Sieben war und es einige Zeit gedauert hatte, bis er dem Verdächtigen ein Geständnis entlocken konnte, war er guter bester Laune. Wie konnte er auch anders? Ichliebedich. Der wundervolle Klang dieser drei gekrächzten Worte hallte noch immer in seinen Ohren. Er konnte es noch immer kaum fassen. Blair erwiderte seine Gefühle.

Wie ein Honigkuchenpferd grinsend steckte er noch kurz seinen Kopf durch Simons Bürotür. Auch Simon war noch hier geblieben, in der Hoffnung, dass sie diesen Fall noch vor den Feiertagen zu einem Abschluss bringen konnten.

„Simon“, rief Jim fröhlich in die Tür. „Ich verabschiede mich dann für die nächsten Tage.“

„Ja, ich wünsche Ihnen und Sandburg schöne Feiertage. Sie haben es sich verdient. Grüßen Sie ihn von mir und ich wünsche gute Besserung. Wir sehen uns dann am Siebenundzwanzigsten.“

„Mach ich, Simon. Gute Nacht.“

Weiterhin fröhlich vor sich hinpfeifend fuhr er mit dem Fahrstuhl ins Kellergeschoss und nahm seinen Weg an einigen kopfschüttelnden uniformierten Kollegen vorbei zu seinem Truck.

Er war gespannt, was ihn zu Hause erwarten würde. Nach Blairs spontanem Geständnis vom Abend hatte er ohne weitere Worte das Zimmer verlassen. Er hasste es, Sandburg in seinem Dilemma allein lassen zu müssen, aber er hatte zurück ins Revier gemusst. Zudem war er vorhin einfach nicht in der Lage gewesen, auf das Gehörte entsprechend zu reagieren.

Welche kosmische Macht auch immer Blair dazu gebracht hatte, heute nur die Wahrheit zu sagen, er war dankbar dafür. Doch konnte er sich nicht vorstellen, dass das immer so weiter gehen würde. Zwar stand er als Sentinel unerklärlichen Dingen etwas aufgeschlossener gegenüber als andere Menschen, allein was seine Visionen betraf, dennoch hatte er einige Zeit gebraucht, um die Ereignisse vom Nachmittag zu verdauen.

Er konnte sich noch vage an seinen Wunsch vom Vorabend erinnern, dass Blair mal für einen Tag spüren sollte, was seine Flunkereien und Ausreden für Folgen hatte. Wann war das nochmal gewesen, ah ja, so gegen sieben waren sie nach Hause gekommen und hatten die Sternschnuppe gesehen. Mit einem kurzen Blick auf seine Armbanduhr stellte er fest, dass es bereits so spät war. Wenn er Pech hatte, dann war die Zeit der Wahrheit nun vorbei.

Als Jim das Loft betrat, fiel sein erster Blick auf Sandburg, der auf dem Sofa saß. Sein zweiter Blick fiel auf den vollgestopften Rucksack zu seinen Füßen. Mit einem Mal war seine gute Laune wie weggeblasen.

„Darf ich fragen, was das zu bedeuten hat?“ Jims Stimme klang enttäuscht.

Blair stand langsam auf und ging auf Ellison zu. Er hatte seine Ansprache den ganzen Nachmittag, zumindest solange er wach und auf Grund der Tabletten zurechnungsfähig gewesen war, geübt. Er hatte sich Ausreden und Ausflüchte überlegt, aber selbst beim Üben, ohne dass ihm jemand gegenüberstand, war es ihm nicht möglich gewesen, eine Unwahrheit auszusprechen.

„Jim, es tut mir leid, wenn ich dich mit meinem Geständnis geschockt habe. Aber es ist die Wahrheit. Ich liebe dich. Und daran wird sich auch nichts ändern. Es hat lange gedauert, bis ich mir darüber wirklich im Klaren war. Aber ich weiß es schon seit einiger Zeit und nun ist es raus. Ich werde mir natürlich eine neue Wohnung suchen. Heute Nacht kann ich bei ….“

Ehe er weiter sprechen konnte, fand er sich in Jims Armen wieder und ein Kuss verschloss seinen Mund. Nach einer, wie es ihm vorkam, halben Ewigkeit löste sich Jims Mund wieder von seinem und er blickte in ein Paar strahlende blaue Augen.

„Du Dummie, ich liebe dich doch auch“, sagte Jim beruhigend. Er drückte Blair einen weiteren Kuss auf die Stirn, die für seinen Geschmack noch immer viel zu heiß war.

„Es tut mir leid, dass ich vorhin nicht gleich auf dein Geständnis reagiert habe. Aber für mich ist das alles noch ziemlich neu und es hat einige Zeit gedauert mir einzugestehen, dass ich dich auch liebe.“ Jim drückte Blairs Körper enger an seine Brust. Ja, das war genau der Ort, wo Sandburg hingehörte.

Erleichtert ließ Blair seinen Kopf an Jims Brust sinken. Er musste das erst einmal verdauen. Nie im Leben hätte er geglaubt, dass Jim für ihn die gleichen Gefühle hegte. Ein leichtes Frösteln lief durch seinen Körper. Lag es an der Erkältung oder doch eher an dem Gefühl der Erregung, die Jims Kuss in ihm ausgelöst hatte? Er konnte es nicht genau sagen. Doch Jim spürte den Schauer, der durch Blairs Körper lief, und zog ihn eilig in Richtung Treppe.

„Los, komm, so sehr ich es auch genießen würde, hier weiter mit dir eng umschlungen herum zu stehen. Doch du bist noch krank und gehörst ins Bett, vorzugsweise in meins.“

„Jim, ich weiß ja nicht, ob ich schon dazu bereit bin, ein Bett mit dir zu teilen“, widersprach Blair, doch auf seinem Gesicht war ein Grinsen zu sehen und er ließ sich bereitwillig von Jim die Treppe hinaufschieben.

Verwirrt sah Jim ihm hinterher, doch dann dämmerte es ihm. Ein Blick auf die Armbanduhr zeigte, dass die Zeit der absoluten Wahrheit nun also endgültig vorbei war.

Ende

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